„Ungefähr an diesem Punkt wurde mir klar, dass dies ein anstrengender Flug werden würde“

In diesem Sommer erhielt der Begriff „Mile High Club“ eine ganze neue Bedeutung für mich. Das Elterndasein bringt bekanntlich viele Freuden, aber auch zahlreiche Herausforderungen mit sich. Eine Flugreise mit einem äußerst unzufriedenen Kind zählt zu letzteren. Sicher ist das für die Mitreisenden sehr anstrengend – aber ich kann versichern, dass das noch GAR NICHTS dagegen ist, derjenige zu sein, der für die unermüdliche Schreimaschine mitten in einer kleinen Konservendose hoch am Himmel verantwortlich ist.

 
Foto: Mikael Andersson

Als ich mir vor ein paar Tagen einige unserer Urlaubsfotos ansah, war es ein bisschen so, als würde ich die schönen Stunden mit meiner Frau und den Kindern noch einmal erleben: Sonnige, fröhliche Bilder und tolle Erinnerungen, die einem ins Bewusstsein rufen, dass das Leben trotz allem recht schön ist. Und dann kam ich zu diesem Foto:

Foto: Josefine Andersson
Foto: Josefine Andersson

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte … So lautet die Redensart zwar nicht, aber vielleicht sollte sie das.

Es gibt so einiges zu diesem Bild zu sagen – ganz abgesehen davon, dass ich so aussehe, als hätte ich eine dieser Scherzartikel-Brillen mit angehängter Pappnase auf. Das Foto hat meine Frau gemacht, und zwar Sekunden, nachdem wir nach unserem fantastischen Luxusurlaub in Spanien wieder in Schweden gelandet waren. Also nachdem ich gerade Mitglied des „Mile High Clubs“ geworden war. Allerdings nicht in der klassischen Variante, in der man sich zu zweit auf der Bordtoilette vergnügt, sondern in der Hardcore-Fassung nur für Eltern.

Vielleicht sollte ich etwas weiter ausholen.

Meine Frau muss auf Flügen für sich allein sitzen – vollgestopft mit Beruhigungsmitteln und mit meinen tollen geräuschunterdrückenden Kopfhörern auf den Ohren.

Meine Frau hat wahnsinnige Flugangst. Eine derartige Flugangst, dass sie im Grunde von dem Moment, an dem wir an einem Flughafen ankommen, bis das Flugzeug wieder auf festem Boden steht, nicht ansprechbar ist. Das bedeutet, dass ich das Vergnügen habe, mich auf sämtlichen Flugreisen allein um unsere Kinder zu kümmern, weil sie für sich allein sitzen muss – vollgestopft mit Beruhigungsmitteln und mit meinen tollen geräuschunterdrückenden Kopfhörern auf den Ohren. Kopfhörer, die man als Rettungsweste für die Gehörnerven beschreiben könnte, weil sie sämtliche Geräusche in der Flugzeugkabine wie von Zauberhand verschwinden lassen:                  ob Unruhe erweckende Signal- oder Maschinengeräusche oder die manchmal fürchterlichen Geräusche der Mitreisenden. Einschließlich Kindergeschrei. Besonders Kindergeschrei, würde ich sagen.

Das Einchecken ging ohne Probleme vonstatten, und schließlich saßen wir startbereit im Flugzeug. Leider teilten uns die Piloten dann mit, dass wir nicht rechtzeitig auf die Startbahn gekommen waren und deshalb jetzt eine gute Stunde auf den Abflug warten müssten. Das bedeutete, dass unser Heimflug statt drei nun vier Stunden dauern würde. Nicht gerade das, was man hören möchte. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt beschloss Sammie (auf dem Foto neben mir), komplett auszuflippen.

Der erste Schwall ihres Wutgeheuls schob meine Kopfhaut mehrere Zentimeter nach hinten.

Ich weiß nicht mehr, was genau der Auslöser war, aber ich glaube, sie konnte einfach den Sicherheitsgurt nicht ausstehen. Zumindest versuchte sie alles, um ihn abzustreifen, während ich die Schnalle eisern festhielt. Sammie bedachte mich mit einem strengen Blick, der deutlich machte, dass sie sich mit der Situation nicht abfinden würde. Dann begann sie loszubrüllen. Und wenn es jemanden in unserer Familie gibt, der aus voller Lunge schreien kann, ist es Sammie. Der erste Schwall ihres Wutgeheuls schob meine Kopfhaut mehrere Zentimeter nach hinten. Das ist kein Witz. Ich war vollkommen perplex. Ich warf meiner Frau einen besorgten Blick zu, aber sie hatte die Augen geschlossen und saß mit einem so entspannten Gesichtsausdruck da, dass mir klar wurde, dass nichts davon zu ihr durchgedrungen war. Ich war also auf mich allein gestellt.

Ungefähr an diesem Punkt wurde mir klar, dass dies ein anstrengender Flug werden würde.

Das Flugzeug war voller Menschen in den verschiedensten Altersgruppen; wie das eben so ist. Wir hatten jedoch das Pech, in der siebten Reihe von hinten zu sitzen. Sämtliche Plätze hinter uns waren von einer unglaublich lärmigen Fußballmannschaft belegt, die aus Jungen im Alter von 15 bis 17 Jahren bestand. Als Sammie loslegte, wurde es zuerst ganz still hinter uns. Dann hörte ich undeutliches Gemurmel und genervtes Gestöhne von ein paar Reihen weiter hinten. „… das Gör zum Schweigen bringen …“ war das einzige, was ich verstand. Ungefähr an diesem Punkt wurde mir klar, dass dies ein anstrengender Flug werden würde. Aber es ging gerade erst los.

Gäbe es einen Ausdauerwettbewerb in der Disziplin „laut sein Missfallen kundtun“, hätte Sammie sicher sämtliche Pokale gewonnen. Nach nahezu zwanzig Minuten ununterbrochenen gellenden Geschreis waren meine Gehirnzellen derart zusammengeschrumpft, dass ich aus reiner Verzweiflung versuchte, sie zum Schweigen zu bringen, indem ich ihr den Schnuller wegnahm.

Nun hatten wir also keinen Schnuller mehr.

Die einzige Wirkung, die das hatte, war, dass sie das Volumen innerhalb einer Sekunde von 80 Prozent auf 100 schraubte. Natürlich versuchte ich sofort, meinen Fehler zu korrigieren, indem ich ihr den Schnuller zurückgab, aber da war sie bereits außer sich vor Wut. Sie ergriff den Schnuller und schleuderte ihn mit aller Kraft an den Sitz vor uns. Leider traf der Schnuller mit dem Gummiteil auf, wodurch er von der Rückenlehne abprallte und mit gesteigerter kinetischer Energie in die Reihen hinter uns flog. Nun hatten wir also keinen Schnuller mehr.

Ich schluckte hart und bat meine älteste Tochter, die ganz innen saß, sich umzudrehen und die Fußballer zu fragen, ob sie den Schnuller sehen könnten. Sie weigerte sich, was ich ihr nicht einmal übelnehmen konnte. Ich hatte schon lange nicht so wenig Lust auf etwas, wie darauf, eine nervige Fußballmannschaft (die mich/uns ohnehin schon hasste), um Hilfe zu bitten. Aber ich biss die Zähne zusammen, räusperte mich und tat es trotzdem. Die Jungs sahen auch tatsächlich brav zwischen ihren Sitzen nach, konnten aber keinen Schnuller entdecken. Das war schade. Nun wäre erst recht die Hölle los.

Es rauschte ein bisschen in den Ohren, und alle atmeten erleichtert auf. Außer mir.

Sammie schrie weiterhin ununterbrochen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie die Fußballjungs sich in den Sitzen drehten und miteinander flüsterten. Nach einer Dreiviertelstunde hatten wir noch immer nicht abgehoben. Da entschloss sich Sammie plötzlich, die Taktik zu ändern. Sie hörte abrupt auf zu schreien, wodurch eine vakuumartige Stille im Kopf entstand. Es rauschte ein bisschen in den Ohren, und alle atmeten erleichtert auf. Außer mir. Denn ich konnte in ihren Augen sehen, dass das Theater noch lange nicht vorbei war – sondern gerade mal der erste Akt. Sammie hatte vor (und noch jetzt, da ich das alles aufschreibe, läuft es mir kalt den Rücken herunter), mich ganz langsam über heißen Kohlen zu rösten.

Statt also weiter aus vollem Hals zu brüllen, verringerte sie die Intensität etwas und schaltete sozusagen auf Unzufriedenheit im Energiesparmodus um. Während das vorherige markerschütternde Geschrei einen nahezu körperlich spürbaren Effekt hatte, war das jetzige monotone, niedrigintensive Gejammere der reine Psychoterror.

An die letzte Stunde in der Luft kann ich mich im Grunde kaum erinnern.

Heute, mehrere Monate später, muss ich zugeben, dass mir ihre Ausdauer auch ein bisschen imponierte. Aber damals, in zehntausend Metern Flughöhe, mit drei Stunden hinter und immer noch einer guten Stunde vor uns, hätte ich möglicherweise nicht abgelehnt, wenn das Bordpersonal einen Fallschirm gebracht und mir angeboten hätte, auszusteigen.

An die letzte Stunde in der Luft kann ich mich im Grunde kaum erinnern. Nur daran, dass die Fußballmannschaft, als unser Flugzeug irgendwo über Deutschland in ein Gebiet mit Turbulenzen geriet, sich entschloss, dem mit lautem Jubel zu begegnen. Sie sangen sogar etwas, das in dieser Situation eher geschmacklos war. Dem Blick meiner Frau, den ich zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal während des gesamten Flugs erhaschte, konnte ich düsterste Gewaltfantasien entnehmen. Hätte es in diesem Moment in ihrer Macht gelegen, hätte die Fußballer sicher ein furchtbares Schicksal ereilt. Davon abgesehen gleicht die letzte Stunde in meiner Erinnerung einem schwarzen Loch.

Papa: ein Mittelklassemann mittleren Alters, dessen Gesichtsausdruck dem Ergebnis einer verpfuschten Lobotomie gleicht.

Irgendwie überstanden wir auch das noch. Ironischerweise hörte Sammies qualvolles Gejammere bei der Landung mit einem Schlag auf. Wie auf Bestellung war sie die Glückseligkeit in Person, und als meine Frau sich zu uns umdrehte, um zu fragen, wie der Flug war, bot sich ihr das obige Bild. Ein zufriedenes und recht niedliches Kind und sein Papa – ein Mittelklassemann mittleren Alters, dessen Gesichtsausdruck dem Ergebnis einer verpfuschten Lobotomie gleicht. Aber immerhin lebte ich noch. Und das, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist eine Auszeichnung wert (auch wenn ich das selbst sage), und deshalb erlaube ich es mir, die Aufnahmevoraussetzungen für den „Mile High Club“ umzudefinieren. Einfach so.

Als ob die vorangegangenen vier Stunden das reine Vergnügen gewesen wären.

So verängstigt und empfindlich meine Frau mit ihrer Flugangst während eines Flugs ist, so energisch und lebensfroh wird sie, sobald wir wieder festen Grund unter den Füßen haben. Da ist sie dann zu Späßen aufgelegt. Also griff sie bei diesem Anblick sofort nach ihrem Smartphone und machte ein Foto. Sie prustete vor Lachen, als sie das Ergebnis sah, und zeigte mir gleich, was sie doch für ein lustiges Bild geschossen hatte. Als ob die vorangegangenen vier Stunden das reine Vergnügen gewesen wären. Sie fand, dass ich etwas mürrisch wirkte, was angesichts der Tatsache, dass mein Stimmungsbarometer zu diesem Zeitpunkt auf Hagelsturm zeigte, die Untertreibung des Jahres war. Innerlich explodierte ich fast vor Wut, aber mein Gehirn war so reaktionsgehemmt wie ein leerer Akku, was auch meinen fast unwirklich leeren Blick erklärt.

Allerdings muss ich noch hinzufügen, dass das Foto etwa 25 Minuten vor dem Zeitpunkt entstand, als mein eigenes Mobiltelefon in einem engen und schweißdurchtränkten Flughafenbus Richtung Stadt zu Boden fiel und zerbrach.

 
Foto: Claes Pettersson

Name: Mikael Andersson

Alter: 40

Familie: Frau Josefine und drei Kinder (Stella, Tintin und Sammie)

Wohnort: Göteborg

Über die Aufgabe als Eltern: Das Wichtigste für mich ist, dass meine Kinder zu starken und selbstständigen Persönlichkeiten heranwachsen; dass sie wissen, dass sie sie selbst sein können und sich trauen, ihren eigenen Weg zu gehen. Natürlich will ich, dass sie gute und nette Menschen werden. Aber am meisten will ich, dass sie sich sicher fühlen und ein glückliches Leben führen. Dass sie so viel Spaß haben wie nur möglich und sich nie mit weniger zufriedengeben, als ihnen zusteht.